Sollte ich Jura studieren?

Vor kurzem erreichte den Autor über tumblr die Nachricht einer Leserin, die den obligatorischen Schlusssatz „Noch Fragen?“ einmal wörtlich genommen hat, weil sie sich eine lebensentscheidende und schwere Frage gestellt hat:

„Sollte ich Jura studieren?“

Netterweise hat sie erlaubt, aus der Antwort einen Blogartikel zu machen, damit auch andere davon profitieren können. Vielen Dank dafür!

Zunächst einmal die ursprüngliche Nachricht:

Okay danke dir! Hoffe, es wird kein Roman 😂 Ich würde mich neben den ganzen Recherchen der Unis interessieren, wie es eben als ein Jura Student ist. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nie so richtig Gedanken darüber gemacht, ob ich es mal wirklich machen möchte. Klar habe ich ab und an daran gedacht, wie es sein könnte Jura zu studieren, sprich „Anwältin“ zu werden. Ich habe [im] letzten ws 15/16 angefangen Architektur zu studieren, leider war es nicht so meins. Nun bin ich am „verzweifeln“ was ich überhaupt studieren möchte. Ausbildung kommt für mich auf keinen Fall in den Sinn. Für mich stehen zum ersten Immobilienmanagament und islamische Theologie an zweiter Stelle. Was muss man für Voraussetzungen mitbringen um das Studium meistern zu können. Hast du dich schon vor dem Studium mit der Rechtswissenschaft auseinander gesetzt? Und ich habe letztens gesehen, dass der Schnitt an der Goethe für Rechtswissenschaft bei 3.6 lag. also ich war erstmal schockiert weil ich es selbst nicht so ganz geglaubt habe, aber ist es wirklich so, dass der Schnitt so weit unten liegt? Letzte Frage; wie sah es mit der Bewerbung aus? Bzw wie sieht es allgemein aus mit den Bewerbungen? Wird da jeder angenommen oder achten die wirklich auf den nc?

(Mein nc lag bei 3.0 – beim wartesemester werden 20 Prozent abgezogen)

Danke dir schonmal für ne Antwort 🙂

Betrachtet man sich diesen „Roman“ ergeben sich folgende konkrete Fragen:

1. Wie ist es als Jura-Student?

Das Jurastudium ist, wenn man davon begeistert ist, das schönste Studium überhaupt! Sicherlich gibt es immer Dinge, die man weniger gerne macht, aber das ist überall so. Der Mythos, dass Jurastudenten kein Privatleben hätten, ist nicht mehr als ein solcher. Mit genug Disziplin und guter Selbstorganisation hat man (fast) soviel Freizeit, wie ein durchschnittlicher BWL Student (nichts für ungut).

2. Heißt Jura zu studieren, Anwalt/Anwältin zu werden?

Das Jura Studium ist, was die berufliche Perspektive nach dem Studium angeht wohl eines der vielfältigsten Fächer überhaupt, um nicht die ausgelutschte Phrase zu bemühen, nach der man mit einem Jurastudium „alles“ machen kann.

Natürlich gibt es da zunächst die klassischen Berufsbilder, also das Richteramt, die Staatsanwaltschaft und den Anwaltsberuf. Schon das Betätigungsfeld als Anwalt/Anwältin ist aber geradezu gigantisch. Vom Einzelanwalt, der in seiner Kanzlei auf dem Land alles ein bisschen macht, über den Fachanwalt für zwei bis X Rechtsgebiete in einer mittelständischen Kanzlei,bis hin zum Großkanzleispezialisten, der ausschließlich Konzernumwandlungen durchführt, ist alles dabei, was den Volljuristen glücklich macht.

Aber auch viele Stellen in der Verwaltung und im politischen Bereich werden gerne mit Juristen besetzt, beispielsweise in Baubehörden, Gefängnissen oder in Bundes- und Landesparlamenten.

Und auch im Verlagswesen für Fachliteratur oder als Fachjournalist kann man als Jurist versuchen seinen Lebensunterhalt verdienen.

Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es gibt noch einige exotische Berufsbilder. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei das von e-Fellows jährlich herausgegebene Buch „Perspektiven für Juristen 20xx“ ans Herz gelegt.

3. Ist Jura als Kompromiss-Studiengang geeignet?

Kein Studiengang ist wirklich ein guter Kompromiss, wenn man nicht weiß was man genau machen möchte. Zum Beispiel auch Gymnasiallehramt, das musste der Autor selbst schmerzhaft erfahren. Gerade für Jura gilt das aber in noch viel höherem Maße.

Jura ist ein langes und auf Grund der sehr restriktiven Notengebung ziemlich undankbares Studium, das viel Selbstdisziplin und Fleiß erfordert. Man benötigt umso mehr Energie, sich zum Lernen zu zwingen, wenn man nicht hundertprozentig davon überzeugt ist, das Richtige zu studieren.

4. Ist Jura etwas für Menschen, die lieber keine Ausbildung machen möchten?

Ein Dozent des Autors hat in einer seiner Veranstaltungen mal festgestellt, dass das Jurastudium und die Juristerei einen sehr handwerklichen Charakter hat. Sprich, das was im Jurastudium gelernt wird, ist das Handwerkszeug, mit dem letzten Endes ein Fall bearbeitet werden soll. So wie der Steinmetz lernt, mit seinem Meißel einen Stein in die gewünschte Form zu bringen, bringt der Jurist mit seinem Gehirn Sprach in Form und bewertet Fälle mit seinem Judiz.

Man muss sich also die Frage stellen, aus welchem Grund man keine Ausbildung machen möchte. Wenn es am Faktor „handwerkliche Tätigkeit“ liegt, liegt man auch beim Jurastudium daneben.

5. Was für Fähigkeiten setzt das Jura-Studium voraus?

Die erste und wichtigste Eigenschaft, die man ins Studium mitbringen sollte, ist ein sicherer Umgang mit der deutschen Sprache. Nicht nur im Sinne möglichst perfekter Orthographie und möglichst guter Interpunktion, sondern auch im Hinblick auf das Sprachgefühl und ein Verständnis für Sprachstruktur. Hilfreich ist daher, wenn man nicht nur eine moderne Fremdsprache, sondern auch ein alte Sprache, also Latein oder Altgriechisch gelernt hat. Nicht weil dies eine Voraussetzung wäre, das Studium zu schaffen, aber gerade der Umgang mit diesen Sprachen fördert das Sprachgefühl und das Verständnis für Sprachstruktur ungemein.

Eine weitere, kaum weniger wichtige Eigenschaft ist die, gerne viel zu lesen. Zwar sollte man sich die grundsätzliche Frage stellen, ob man studieren sollte, wenn man nicht gerne liest, aber vielleicht ist der Autor in dieser Hinsicht auch etwas zu altmodisch. Jedenfalls ist das Jurastudium neben den typischen Lesefächern (Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaften, Kulturwissenschaften, Philosophie) wohl eines der leseintensivsten Fächer überhaupt.

Des Weiteren sollte die Fähigkeit zu sehr kleinteiligem Denken vorhanden sein. Es kommt auf die Details an, immer! Wer also um der schnelleren, einfacheren Lösung Willen, gedanklich mal schnell etwas unterschlägt, wird mit dem Gutachtenstil auf Dauer nicht glücklich werden, weil ihm alles wie Haarspalterei vorkommen wird.

Schließlich ist eine sehr breite Allgemeinbildung jedenfalls von Vorteil, weil man im Studium ständig mit Details aus irgendwelchen fremden Lebenswirklichkeiten konfrontiert wird, mit denen man umgehen muss. Unvergessen in dem Zusammenhang für den Autor und dessen Kommilitonen wohl die überzeugte Annahme eines weiteren Kommilitonen, ein Ameisenbär sei eine übermäßig große Ameisenart. Auch die Funktionsweise eines Ottomotors zu kennen ist beispielsweise hilfreich, wenn es daran geht, in der großen Übung im Zivilrecht die Frage nach dessen wesentlichen Bestandteilen, im Rahmen einer Prüfung der §§ 946 ff. BGB, zu beantworten.

Man würde wahrscheinlich auch behaupten, dass Juristen gerne mit Menschen arbeiten wollen sollen. Das ist allerdings nur bedingt richtig, jeder der schon einmal eine Behörde von Innen gesehen hat, weiß warum. Ein Nachteil ist es aber natürlich nicht und gerade in Kanzleien und bei der Arbeit in der Justiz ist eine hohe Sozialkompetenz sehr von Vorteil, wenn man schnell und unkompliziert sein Ziel erreichen möchte. Besonders in Großkanzleien ist Teamfähigkeit Pflicht.

6. Erfordert das Jura Studium eine Vorbefassung?

Ironischerweise wollte Autokorrekt hier zunächst das Wort „Vorbelastung“ unterschieben, weil es den strafprozessrechtlichen terminus technicus nicht kennt. Eine Vorbelastung fand beim Autor jedoch tatsächlich dadurch statt, dass bereits im Alter von 16 Jahren ein Praktikum in einer Kanzlei absolviert wurde, welches diesen im Hinblick auf die Juristerei für immer verdorben hat (an dieser Stelle nochmal danke dafür!).

Voraussetzung ist das natürlich absolut nicht, auch nicht die Wahl des Leistungskurses Politikwissenschaft, Sozialkunde (wobei man dann schonmal ein bisschen Stoff für Staatsrecht I abgehandelt hätte) oder gar Recht.

Ohne jegliche Vorbefassung eine Studium aufzunehmen erscheint dann aber doch etwas seltsam, so dass man zu Orientierungszwecken zumindest mal ein Praktikum im juristischen Bereich gemacht haben sollte.

Warnhinweis: Wer lediglich die Eindrücke aus dem Konsum von amerikanischen TV-Serien, die sich mit der Juristerei beschäftigen, dieser Entscheidung zugrunde legt (so gerne der Autor auch Better Call Saul und Fairly Legal ansieht) ist leider auf dem Holzweg. Das gleich gilt umso mehr für deutsche pseudo-reality Gerichtsshows!

7. Warum ist der Numerus Clausus für Jura, abgesehen von ein paar Elite-Unis häufig so niedrig?

Die Wahrheit ist hart aber einfach. Im Gegensatz zu einem materialintensiven Studium wie Medizin, braucht es „nur“ Räume, Dozenten und eine Bibliothek , um Jurastudenten durch das Studium zu bringen. Die pro Kopf-Kosten sind also vergleichsweise gering, sodass mehr Studienplätze angeboten werden können und daher das Gefälle zwischen Angebot und Nachfrage nicht so stark ist. Daher wird erstmal jeder genommen, ausgesiebt wird dann im Studium.

8. Was ist überhaupt ein NC? Wie funktionieren Wartesemester?

Der Numerus clausus (kurz: N.C.) steht immer erst dann fest, wenn sich der endgültig letzte Erstsemesterstudent eines Faches im Rahmen des regulären Vergabeverfahrens eingeschrieben hat. Der Student mit dem schlechtesten Abischnitt des Semesters in der regulären Vergabe ist dann für den N.C. verantwortlich.

Wartesemester sind solche, an denen der Studienbewerber nicht als Student an einer deutschen Hochschule eingeschrieben ist. Die Wartesemester ändern übrigens nichts am Abiturdurchschnitt, sie sind ein eigenständiger Faktor, den die Universitäten berücksichtigen, wenn sie Studienplatzbewerber nach Abschluss des regulären Vergabeverfahrens annehmen. Eine höhere Anzahl an Wartesemestern bedeutet dabei eine höhere Position in der Nachrückliste.

9. Gibt es neben dem NC weitere Faktoren, auf die bei potentiellen zukünftigen Studenten geachtet wird?

An staatlichen Universitäten findet nach dem Kenntnisstand des Autors im regulären Vergabeverfahren nach der Berücksichtigung des Abischnitts keine weitere Auslese der Bewerber über weitere Qualifikationsmerkmale mehr statt. Anders ist dies beispielsweise an der privaten Bucerius Law School, dort müssen schriftliche und mündliche Tests absolviert werden, um einen der begehrten Studienplätze zu erhalten.

Noch Fragen?

Quellen:
Wartesemester-Abischnitt
Auswahlverfahren Bucerius Law School

Bildquelle:
Timo Klostermeier / pixelio.de

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