Mensch oder Tier?

Diena Thompson ist am Ziel. Sie lächelt. Ein wenig. Endlich hat sie es getan. Es lodert, es brennt. Wahrscheinlich überkommt sie Genugtuung, als die Fackel durch das Fenster auf den dort platzierten Strohballen landet und diese in Brand setzt. Vielleicht fühlt sie auch schon die Hitze, die ihr unbarmherzig entgegenschlägt.

„Diesmal bin ich der große böse Wolf, der deine Tür einschlägt.“, sagt sie.

Dies geschieht in Orange Park im US-Bundesstaat Florida, einem Ortsteil von Jacksonville. Die Sonne scheint, spiegelt sich im St. Johns River und dem Doctor Lake, der das Wohngebiet von Süden und Westen begrenzt.

“Ich kann ihr Haus niederbrennen.“

Flammenhölle

„Eine Hinrichtung […] war ein gewaltiges, alles durchdringendes Erlebnis! Sie war alles zugleich: Hölle, Verdammnis und Erlösung, äußerste Gewalt und Verheißung von Gnade.“ – Thomas Fischer

Sechs Jahre zuvor, an einem Tag im Oktober. Für einen Tag im Herbst war es immer noch sehr warm, mit durchschnittlich 15°C. Ein siebenjähriges Mädchen war gerade auf dem Heimweg von der Schule, der Grove Park Grundschule, unweit von Jacksonville, Florida.

Der 24 Jahre alte Jarred Harrell war gerade zu Besuch im Haus seiner Mutter. Zwei Tage zuvor war der Familienhund in das neue Domizil nach Callahan umgezogen. Er war groß, weiß und liebenswert. Das Kind rannte ihren Geschwistern und Freunden voraus. Sie mochte Hunde, kam immer wieder her und wollte diesen auch heute wieder nur zu gerne streicheln. Aber als sie ihn im Garten nicht finden konnte, kam sie an die Tür des Wohnhauses.

Die Siebenjährige fragte Jarred nach dem Hund, alles verschwimmt. Sie wird panisch, weint, schreit. Später würde er sich nur noch daran erinnern können, ihr die Hand auf den Mund gelegt zu haben, bis ihr kleiner Körper erschlafft war. Er legte die Leiche des kleinen Mädchens in eine Kunststoffkiste und entkleidete sie. Danach brachte er den Behälter mit dem Auto zu seinem alten Arbeitsplatz und stellte ihn dort in den Müllcontainer.

Am 21. Oktober 2009 wurde der kleine Körper auf einer Mülldeponie in Georgia gefunden.

Heute sitzt Jarred Harrell, der mittlerweile 29 Jahre alt ist, eine 6-fache Lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Für Mord und sexuellen Missbrauch an Somer Thompson und wegen weiterer Anklagepunkte, die im Schuldspruch berücksichtigt wurden.

558334_original_R_K_by_Dieter Schütz_pixelio.de

Die Überschrift lautet „Mensch oder Tier?“. Nun scheint klar zu sein, diese Frage kann sich nur auf Jarred Harrell beziehen, den perversen Pädophilen, der einfach so ein wehrloses kleines Mädchen erwürgt und missbraucht hat. Natürlich stellt sich diese Frage auch bezüglich seiner Person. Schließlich hat er sich in einem Polizeiverhör selbst als Monster bezeichnet. Aber der Leser fragt sich nun „auch“?!

Diena Thompson, die Mutter der kleinen Somer Thompson hat am 12. Februar 2015 das Haus, in dem ihre Tochter getötet wurde, in Brand gesetzt. Es war keine Kurzschlusshandlung, keine Nacht-und-Nebel-Aktion, keine Straftat. Vielmehr fand die Entzündung sogar unter Anwesenheit der Feuerwehr statt. Die löschte den Brand allerdings nicht, vielmehr nutzte diese die günstige Gelegenheit um im brennenden Gebäude Rettungs- und Suchübungen durchzuführen.

Wie das alles geht? Nicht nur in Deutschland, auch in den USA ist es dem Eigentümer einer Sache grundsätzlich unbenommen, damit zu verfahren, wie er dies für richtig hält. Nachdem das Haus der Zwangsvollstreckung unterfiel, spendete die Bank das Gebäude der Somer Thompson Foundation, die das Haus dann dem Orange Park Fire Department zu Übungszwecken zur Verfügung stellte. Die Feuerwehr gestattete Diena Thompson wiederum, den Trainingsbrand im Haus selbst unter kontrollierten Bedingungen zu legen. Rein rechtlich ist also alles einwandfrei.

Was aber sagt ein solches Vorgehen über die Gesellschaft aus, in der solch ein Ereignis stattfindet? Thomas Fischer, Richter am BGH, schrieb in seiner letzten Kolumne zum Thema der Todes- und der lebenslangen Freiheitsstrafe:

„Mächtige Motive stecken in unseren großen Geistern als Echo unserer anthropologischen Vorfahren: Rache! Vernichtung! Unterwerfung!“

Dieser Satz trifft nicht nur auf Körperstrafen zu. Auch im vorliegenden Fall kommt man nicht umhin zu entdecken, dass trotz aller karitativer Bemühungen, die um das Abrennen des „Mörderhauses“ der Eindruck nicht verfliegen mag, dass dieser Brand vor allem eins ist: ein Freudenfeuer der Rache. Keine Vergeltung der Schuld durch den Staat. Die findet bereits durch die sechsfach lebenslängliche Freiheitsstrafe statt. Vielmehr hat sich hier eine ganz neue Lynchmentatlität auf ganz kreative Weise Bahn gebrochen. Eine Steigerung dieser Perversion von Wohltätigkeit ist schließlich die Tatsache, dass es sich zwar um das Haus handelt, in dem Somer getötet wurde. Es gehörte jedoch der Mutter des Täters, nicht Jarred selbst. In diesem Zusammenhang darf ein weiteres Zitat aus der Kolumne von Herrn Fischer nicht unerwähnt bleiben:

„In den Vereinigten Staaten von Amerika, der Heimstatt der Tapferen, stechen mancherorts Maschinen Gift in jene Menschen, die von Laien-Jurys zum Tod verurteilt wurden.“

Der erste und der letzte Teilsatz sind für den Fall Thompson bedeutsam. Wie bereits angerissen, hat hier nicht mehr der Staat gehandelt, sondern die Bürger. Dies ist dem amerikanischen Rechtssystem zwar nicht fremd, jedoch wird versucht, diese populistischen Auswüchse in geregelten Bahnen zu halten. Hier aber haben Hobby-Richter und -Henker eine symbolische Hinrichtung inszeniert. Nicht nur, dass der Täter lebenslänglich im Gefängnis sitzt, auch die völlige Vernichtung seines ehemaligen Wohnsitzes ist notwendig, um die Rachegelüste der Bevölkerung zu stillen. Der Grève-Platz lässt grüßen. Und doch finden sich immer noch genug Angebote in den diversen Kommentarspalten, auch noch den letzten Schritt zu gehen, dem Täter ein Magazin aus einer 0.55 zwischen die Augen zu jagen.

Das Erschreckende daran ist nicht, dass dies überhaupt so passiert ist. Es ist in den USA passiert, es klingt möglicherweise arrogant, aber es schockiert nicht wirklich. Wobei die Tatsache, dass es eine Foundation zu einem rein destruktiven Zweck gab, so schön dieser auch karitativ aufgehübscht war, während sich so viele Menschen auf der Welt bemühen müssen um Mitstreiter für ihre konstruktiven Vorhaben zu finden, schon einige Kopfschmerzen bereitet (man könnte schließlich auch auf die Idee kommen ein Hilfsprogramm für Pädophiliekranke zu unterstützen – Kein Täter werden). Beunruhigend ist vielmehr die Tendenz, dass auch in Deutschland die Rufe nach der absoluten Vernichtung (so ähnlich gabs das doch schonmal vor circa 70 Jahren) von Straftätern immer lauter werden, sogar unter Jurastudenten. Unter diesen Gesichtspunkten ist jeder Einzelne dazu angehalten jederzeit zu reflektieren, was der Bauch oder das Herz will und was der Kopf dazu zu sagen hat. Wenn wir uns unseren Rachegelüsten hingeben, dann sind wir doch am Ende AUCH nur Tiere.

Noch Fragen?

Quellen: jacksonville.com; RTL aktuellMirror; Huffington Post; ZEIT Online

Bildquellen: Mr_KARR/pixelio.de; Dieter Schütz  / pixelio.de

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